Botschafter Wittig: „Sprache ist zentral in unserem Beruf“

Gerade für einen Botschafter ist es wichtig, Sprachen zu lernen, erklärt der deutsche Botschafter Dr. Peter Wittig im Interview mit WORTSPIEL und verrät, was er an Deutschland vermisst, warum er Botschafter wurde und was er von der doppelten Staatsbürgerschaft hält.

Interview: Emma Lenz-Mann, Phillip Reeves, Nicholas Polansky, Featurefoto: Aaron Caneva

WORTSPIEL: Was hat Sie daran interessiert, im Auswärtigen Dienst zu arbeiten – warum sind Sie Botschafter geworden?

Botschafter Wittig: Ich habe, bevor ich in den Auswärtigen Dienst eintrat, an der Universität Freiburg geforscht und gelehrt. Das hat mich damals begeistert. Irgendwann aber habe ich gedacht: Diese Welt wird mir zu eng. Ich möchte mein Leben nicht in fensterlosen Archiven verbringen, sondern die Welt kennenlernen. Und da ich in Bonn aufgewachsen bin, lag es nahe, mich beim Auswärtigen Amt zu bewerben. Nach zwei Jahren Diplomatenschule – eine tolle Ausbildung! – wurde ich dann vollwertiges Mitglied im diplomatischen Dienst. Ich habe es bis heute nicht bereut.


Dr. Peter Wittig ist seit April 2014 Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Washington, DC. Er war von 2009 bis April 2014 Leiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei den Vereinten Nationen in New York City. 2011/2012 hat er dabei Deutschland im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen vertreten, „der Höhepunkt meiner diplomatischen Laufbahn“, sagt er im Interview mit WORTSPIEL am Rande der Feierlichkeiten zum 40jährigen Jubiläum der Deutschen Sprachschule in seiner Residenz in Washington, DC. Botschafter Wittig hat selbst eine Tochter und einen Sohn auf der GLC.


Was mich faszinierte an diesem Beruf, ist die Vielfältigkeit der Aufgaben – es gibt keinen interessanteren Beruf! Und die Herausforderung, ja die Verantwortung, unser Land im Ausland zu vertreten und zu erklären. Auch die Unvorhersehbarkeit, wo man die nächsten Jahre verbringen wird. Ob in Afrika, ob in Asien, oder in Europa. Das hat mich immer gereizt. Ich glaube, ich war – und bin es immer noch  – ein geistig neugieriger Mensch. Die Neugier und der Enthusiasmus, fremde Länder, Menschen und Kulturen kennenzulernen und zu verstehen– das ist in diesem Beruf wichtig. Und etwas Anderes kommt hinzu: wir können als Diplomaten einen praktischen Beitrag dazu leisten, dass sich Völker und Nationen besser verstehen und dass bestehende Konflikte verhindert oder gelöst werden! Das ist eine großartige Aufgabe.

WORTSPIEL: War Amerika das Land Ihrer Wahl?

Botschafter Wittig: Ich hatte schon als Schüler und Student eine besondere Beziehung zu den USA. Ich bin in den USA viel gereist und hatte amerikanische Freunde. Ich habe zwar in England und nicht in den USA studiert, aber hier habe ich mich immer besonders wohl gefühlt. Als Attaché  im Auswärtigen Amt – also noch während der Ausbildung in der Diplomatenschule – wurde ich für ein paar Monate an die deutsche Vertretung bei den Vereinten Nationen geschickt, um dort auszuhelfen. Da habe ich dann endgültig den „USA-Virus“  eingefangen. Und die deutsche UNO-Vertretung in New York wurde dann einer meiner ersten Posten im Ausland. Eine unglaublich spannende Arbeit! Damals habe ich gedacht: Es wäre nicht schlecht, später einmal als Botschafter nach New York zur UNO zurückzukommen!  Und das ist dann auch passiert.

WORTSPIEL-Reporterin Emma Lenz-Mann und ihre Kollegen Phillip Reeves und Nicholas Polansky interviewen den deutschen Botschafter in Washington, DC, Dr. Peter Wittig, in seiner Residenz. Foto: Aaron Caneva

WORTSPIEL:  Wie gefällt es Ihnen in Washington, DC?

Botschafter Wittig: Washington ist mein Traumposten! Und dass ich hier in dieser verantwortlichen Position unser Land vertreten darf, macht mich stolz und dankbar. Es ist für mich eine wirkliche Ehre und etwas ganz Besonderes! Washington ist die Hauptstadt der Weltmacht. Hier bündeln sich in besonderer Weise  – wie in einem Brennglas – viele der Herausforderungen der ganzen Welt. Es gibt kaum einen spannenderen Posten!  Washington ist gleichzeitig eine offene, lebenswerte Stadt, in der sich auch meine Familie außerordentlich wohl fühlt. Meine Frau und ich haben vier Kinder und die schwimmen hier wie „Fische im Wasser“. Wir alle haben hier enge Freundschaften mit Amerikanern geschlossen.

WORTSPIEL: Was vermissen Sie an Deutschland am meisten?

Botschafter Wittig: Ich vermisse manchmal die deutsche Kultur, die wunderbare klassische Musikkultur – obwohl es die hier ja auch gibt – die schönen alten Städte und gepflegten deutschen Landschaften, die unglaublich vielfältige Museen-Landschaft. Und etwas profaner: das gute deutsche Brot und den Quark! Ich vermisse auch ein bisschen, mit meinen Söhnen zu Bundesliga-Fußballspielen  zu gehen.

WORTSPIEL: Wie wichtig sind Sprachen und Sprachenlernen für Sie beruflich und privat?

Botschafter Dr. Peter Wittig beim Interview mit WORTSPIEL Foto: Aaron Caneva

Botschafter Wittig: Sehr wichtig, gute Sprachkenntnisse  gehören  zum grundlegenden Handwerkszeug eines Diplomaten.  Gutes Handwerk ist in unserem Beruf überhaupt sehr wichtig, nicht nur die Fremdsprachen. Wir müssen mit unseren Instrumenten, die wir haben, umsichtig umgehen. Die Sprache ist zentral in unserem Beruf: „Words matter“ in der Diplomatie. Wir müssen in der Lage sein, uns differenziert und nuanciert auszudrücken – nicht nur in der deutschen Sprache, sondern auch in Fremdsprachen. Ich spreche drei Fremdsprachen ganz gut, aber ich bin beileibe kein Sprachgenie. Ich spreche Englisch, Französisch und Spanisch. Aber viele meiner Kollegen im deutschen diplomatischen Dienst haben eine größere Sprachbegabung und sprechen noch  Russisch oder Chinesisch oder Japanisch oder Urdu. Das bewundere ich.

WORTSPIEL: Wie wichtig ist es Ihnen, dass die Jugend in den USA Deutsch lernt?

Botschafter Wittig: Das ist mir ein großes Anliegen! Ich weiß, dass Englisch im Grunde die große kosmopolitische Sprache ist. Dennoch glaube ich, wer Deutsch lernt, der lernt mehr als nur eine andere Fremdsprache. Der lernt auch, vielschichtig zu denken. Die deutsche Sprache ist keine ganz einfache Sprache – das wissen wir –  sie ist differenziert, auch grammatikalisch anspruchsvoll. Ich glaube aber, wer Deutsch lernt, trainiert auch seinen Geist, sein Gehirn. Und er erschließt sich eine ganz eigene Kultur und ein Stück weit Zugang zur größten Volkswirtschaft in Europa! Deshalb genießt die Förderung der deutschen Sprache für mich und für die sehr engagierten Botschafts-Kolleginnen und Kollegen der Kulturabteilung eine besonders hohe Priorität. Wir wollen viele Menschen gewinnen und ermutigen, Deutsch zu lernen, besonders die jungen Menschen, Ich glaube, das ist ein wunderbarer Türöffner in eine andere Welt. Und ich würde mir wünschen, dass viele Amerikaner, besonders junge Menschen, diese Möglichkeiten nutzen, nicht nur in der deutschen Sprachschule, in den vielen Goethe-Instituten, sondern auch in den vielen US-Universitäten, wo es Deutsch-Abteilungen gibt.

WORTSPIEL: Wie wichtig ist es, da Washington so viele Auslandsdeutsche hat, dass es in Washington einen Ort gibt wie die GLC, also eine Schule, wo Deutsche ihre Kinder und auch sich selber noch ein bisschen in der deutschen Kultur mit einfühlen können?

Botschafter Wittig: Das ist sehr wichtig für viele Deutsche, die hier in der Region leben. Das ist sozusagen ein Standortfaktor. Viele Wirtschaftsleute würden vielleicht gar nicht auf die Idee kommen, in die USA zu gehen, hier Geschäfte zu machen oder hier einen Job zu suchen, wenn sie nicht wüssten, dass sie ihre Kinder auf die deutsche Sprachschule schicken können. Die deutsche Sprachschule ist also nicht nur ein kultureller Ausstrahlungsfaktor, sondern macht die ganze Region zu einem attraktiven wirtschaftlichen Standort für deutsche Unternehmen. Sie ist eine Brücke zwischen unseren beiden Ländern, zwischen Deutschland und den USA – auch eine menschliche Brücke und die brauchen wir mehr denn je in diesen Zeiten.

WORTSPIEL: Viele Kinder der Auslandsdeutschen in den USA haben auch die amerikanische Staatsbürgerschaft. Manche Parteien in Deutschland, zum Beispiel die CDU/CSU und die AfD, sind gegen eine zweite Staatsbürgerschaft. Was ist Ihre Position?

Botschafter Wittig: Wer in den USA geboren worden ist, bekommt automatisch die amerikanische Staatsangehörigkeit. Dass Kinder deutscher Eltern, die hier geboren sind, beide Staatsbürgerschaften behalten wollen, halte ich für ganz verständlich!

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