Eine Amerikanerin in Deutschland

Im vergangenen Sommer bin ich mit meiner Freundin Carolyn (21) für vier Wochen nach Deutschland gereist. Unsere Reise ging durch ganz Deutschland, vom Bodensee bis an die Ostsee, von Köln über Stuttgart bis nach Berlin. Heimaturlaub für mich, Ex-Pat, der jetzt schon seit zehn Jahren in den USA lebt, aber wichtiger noch, es war ihr erster Besuch in Deutschland. Auch wenn ihre Familie italienische und deutsche Wurzeln hat (wie fast jede 10. Person, die man in den USA trifft), hat sie das Land noch nie besucht. Sie war zwar schon in Italien, also war es nicht ihr erster Europatrip, aber ich dachte mir, dass es trotzdem interessant wäre zu hören, wie das gute alte Deutschland im Jahr 2017 so bei Erstbesuchern ankommt und habe ihr, wieder zurück in Denver, Colorado, einige Fragen gestellt.

Interview: Nils Bergmann (22, GLC Alumnus) / Featurefoto: Christina Bergmann

WORTSPIEL: Wir fangen mit der wichtigsten Frage an: Was war dein Lieblingsessen in Deutschland?

Carolyn: Ich mochte diese „Meat-balls“, die Oma gemacht hat, super gerne.

Buletten?

Ja. Die waren super gut. Ihr Kartoffelsalat war auch unglaublich lecker, obwohl ich normalerweise Kartoffelsalat gar nicht mag.

Norddeutschen Kartoffelsalat. Also nicht den süddeutschen Kartoffelsalat?

Ich mochte schon beide, aber der norddeutsche war ganz klar besser.

Drachenburg, Lugwigsburg, Neuschwanstein und Hohenschwangau (v.l. oben im Uhrzeigersinn) Foto: Carolyn Angiollo

Welcher Teil des Trips durch Deutschland hat dir am allerbesten gefallen?

Hm, das ist schwer… ich mochte alles. Kann ich einfach „die Schlösser“ sagen?

Klar.

Die Schlösser zu besuchen hat mir am allerbesten gefallen. Wir sind ja zu fünf oder sechs verschiedenen gefahren und ich mochte eigentlich alle. Neuschwanstein war ein bisschen enttäuschend, weil ich es mir vorher so unglaublich vorgestellt hatte.

Die Aussicht von Schloss Neuschwanstein – ein Blick auf das Allgäu und die Alpen, Foto: Nils Bergmann

Na, was war dann dein Lieblingsschloss?

Ludwigsburg. Das war schön. Die Tour war super, und letzten Endes ist es halt einfach ein richtiges Schloss, wo Leute lange gelebt haben, wo echte Könige und Königinnen, Prinzen und Prinzessinnen lebten. Und zusätzlich zu der Geschichte, die es beinhaltet, war es halt auch einfach unglaublich toll.

Carolyn Angiollo, Foto: Christina Bergmann

Was hast du aus Amerika am meisten vermisst, während du in Deutschland warst?

Es ist vielleicht ein bisschen ungewöhnlich, aber ich trinke viel Wasser, also war es sehr nervig, ständig nach Wasser fragen zu müssen, besonders in Restaurants. Und das sprudelnde Mineralwasser mochte ich gar nicht.

Was habe ich sonst vermisst… alles verstehen zu können (lacht). Es war schon schwer, nicht mit allen reden zu können. Aber eigentlich habe ich Amerika insgesamt nicht sehr vermisst.

Ach so, dass das Abendessen oft nur eine kleine Mahlzeit mit Brot und Käse und Wurst war, und kein großes gekochtes Essen, das war ein bisschen tragisch. Nach drei Wochen habe ich richtiges Abendessen sehr vermisst.

Was waren die komischsten deutschen Bräuche oder die ungewöhnlichsten deutschen Sitten für Dich?

Alle Leute mit ihren Fahrrädern. Mann, es gab so viele Fahrradfahrer überall, und als wir in Berlin waren, erinnere ich mich, dass ich beim Checkpoint Charlie so viele Leute auf ihren Fahrrädern, im Anzug oder anderen schicken Klamotten, gesehen habe. Das macht hier [in den USA] eigentlich keiner, eventuell, weil halt alles so viel weiter entfernt ist, oder wir einfach faul sind. Aber ja, die Deutschen und ihre Fahrräder.

Oh, und der Kaffee und Kuchen jeden Nachmittag. Wobei, das gefiel mir sehr!

Dann auch noch, was für ein Prozess das Essen gehen ist. Wie lang es dauert, vor allem. Und dass die Kellner/innen nicht einfach vorbeikommen, sondern dass man sie herwinken musste. Dass war sehr interessant, denn hier [in den USA] wäre das sehr unhöflich.

Kölsch – ein typisch deutsches Bier, Foto: Carolyn Angiollo

Klar, ist halt eine andere Einstellung, entweder stören, um sicherzustellen dass alles gut ist, oder erwarten, dass der Gast sich meldet, wenn etwas nicht stimmt oder er etwas braucht.

Genau. Als wir in Deutschland waren, war ich ab und zu etwas genervt als ich dachte „Oh, ich brauch mehr Wasser“ oder „Ich brauch so und so…“ und es dann eine Weile dauern kann, bis man den Kellner findet. Aber als ich wieder in den USA war, bin ich in Chicago essen gegangen, und ich bin mir ziemlich sicher, die Kellnerin ist wirklich alle fünf Minuten vorbeigekommen. Da habe ich entschieden, dass mir diese „komische“ deutsche Sitte eigentlich viel besser gefällt.

Was war der größte Unterschied zwischen dem Alltag in Deutschland und in den USA?

Ich glaube Amerikaner sind generell freundlicher gegenüber Fremden.

Meinst du dass das echt ist?

Nein. Ist halt sehr gekünstelt. Wir winken, oder sagen „hi“ oder lächeln Fremde an, aber keiner will es wirklich machen, es wird einfach erwartet und ist ein bisschen Gewohnheit.

Es schien es mir auch, als ob Leute in Deutschland viel entspannter waren, weniger gehetzt. Natürlich sind Leute beschäftigt, aber sie sind besser organisiert. Und halt die deutsche Pünktlichkeit. Hier in Amerika kommen alle immer zu spät.

Eine andere super Sache war, wie freundlich alle sind – wenn Leute merkten, dass ich kein Deutsch sprach, haben sie versucht, auf Englisch zu reden, und waren bereit, mir zu helfen. Genauso wie deine Freunde alle Englisch gesprochen haben, oder in Restaurants, wenn die Kellner/innen versucht haben, auf Englisch mit mir zu sprechen, waren alle sehr entgegenkommend.

Hier in den USA ist das eine komplett andere Einstellung, wenn Leute zu Besuch sind interagiert man mit denen nicht so, man ist nicht so entgegenkommend was die Sprache angeht. Man erwartet einfach, dass Leute Englisch können oder sie haben halt Pech.

Kalbsschnitzel, Foto: Nils Bergmann

Und was waren die größten Gemeinsamkeiten?

Das Essen. Ich hatte den Eindruck, dass die deutsche Küche sehr anders war, und auch wenn das ab und zu so war, gab es aber hauptsächlich viel italienisches Essen, französisches Essen und so weiter. Und in Berlin konnte man sogar alles finden – es erinnerte mich sehr an Amerika, es war eine komplette Mischung von so vielen Kulturen. Wenn ich ‘nen richtig guten Burrito wollte, habe ich den in Berlin gefunden. Die Pop-Kultur, Musik, Fernsehen und so schienen sehr, sehr ähnlich. Musik halt ein paar Jahr hinter den USA, und teilweise in deutsch, aber sehr ähnlich. Fernsehen genauso, wobei mir da noch ein Unterschied einfällt.

Also wenn du noch irgendetwas zu sagen hast über deine Erfahrung als Amerikanerin in Deutschland, go for it.

Na ja, eventuell ist es ein bisschen schwere Kost und passt nicht zur Stimmung des Interviews, aber ich weiß noch, als wir in Berlin waren, war überall in den Nachrichten die Geschichte der Frau, die die U-Bahn Treppen herunter getreten wurde. Und das war einfach bizarr, denn hier in USA ist es fast unvorstellbar, dass es solch eine Sache in die überregionalen Nachrichten schaffen würde. Hier sind viel schlimmere Dinge Alltag. Erst letzte Nacht wurden drei Menschen erschossen während einer Schießerei im Walmart, direkt hier bei uns um die Ecke. So traurig der Vorfall in der Berliner U-Bahn auch war, ist es doch gut, dass über so eine Sache groß berichtet wird – und nicht über schlimmeres.

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