Stolpersteine erinnern an die Opfer der NS-Zeit

Wie erinnern wir an die Vergangenheit? In den USA wird diese Frage gerade diskutiert. Es geht dabei vor allem um Statuen, die an die Südstaaten-Generäle während des Bürgerkrieges erinnern. In Deutschland fragt man sich schon seit Jahrzehnten, wie man mit dem Holocaust umgehen soll. Die Nazis haben in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts Millionen Menschen getötet. Ein Künstler hatte eine Idee, wie man an sie in der Öffentlichkeit erinnert. Doch auch seine Idee ist umstritten.

Text und Featurefoto: Phillip Reeves

Stolpersteine sind die Idee des Künstlers Gunter Demnig. Sie sind 10 mal 10 mal 10 cm große Betonwürfel mit einer Messingplatte oben drauf. Auf dieser Messingplatte stehen Informationen wie Name, Geburtsdatum, Todesdatum, Todesgrund und Todesort, wenn die Informationen bekannt sind, zu einem Opfer der Zeit des Nationalsozialismus (NS-Zeit). Diese Steine werden in den Boden gelegt, normalerweise in den Bürgersteig oder auf den Rasen, vor dem Haus, wo das Opfer zuletzt freiwillig gelebt oder gearbeitet hat.

Es gibt schon über 56.000 Stolpersteine in Deutschland und in anderen Ländern der Europäischen Union (EU). Es gibt auch Stolperschwellen, längere Steine, auf denen an eine Gruppe Menschen, wie eine Schulklasse, erinnert wird. Um einen Stolperstein zu legen, werden die Zustimmungen des aktuellen Besitzers des Grundstücks und der Verwandten des Opfers gebraucht.

Mehrere Stolpersteine in Bremen, die an Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Foto: Phillip Reeves

Gegen Stolpersteine spricht, dass manche Städte schon zu viele Erinnerungs-Projekte haben. In Pulheim, zum Beispiel, sagte 2010 die damalige Abteilungsleiterin der Stadt, Angelika Schallenberg, wie die Kölnische Rundschau berichtet, dass die Stadt schon sehr viele Projekte hätte und dass mehr Projekte „die Geduld der Bevölkerung überstrapazieren könnten“.

Noch dazu erniedrigen Stolpersteine die Opfer der NS-Zeit nochmal, weil diese Steine im Boden sind, umgeben von aller Verschmutzung der Stadt, sagen die Gegner. In München gab es 2004 die Diskussion, ob die Steine in der Stadt erlaubt sein sollten oder nicht. Charlotte Knobloch, die damalige Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, sagte, dass sie bei manchen Leuten eine sehr schlechte Erinnerung wachrufen an die Zeit, als Juden und andere Menschen sehr schlecht behandelt wurden. Das, sagte sie, sei, weil die Stolpersteine in der Öffentlichkeit sind, direkt mit allem Dreck von Straßen und Menschen, inklusive Zigarettenkippen, Dreck und Tieren. Die Steine wurden deswegen auf öffentlichem Gebiet 2004 verboten, die, die es gab, wurden wieder aus dem Boden genommen. Seit einiger Zeit gibt es einige Stolpersteine in München, aber nur  auf privatem Boden, berichtet die taz.

Stolperstein in Bremen, Foto: Phillip Reeves

Für Stolpersteine spricht, dass sie an die NS-Zeit erinnern und Merkmale dafür sind. Ein Student, mit dem Demnig geredet hat, sagte: „Man fällt nicht hin, man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen.“ Demnig selbst hat auf Twitter gesagt: „Wer den Namen des Opfers lesen will, muss sich herunterbeugen. In diesem Moment verbeugt er sich vor ihm.“ Diese Art Erinnerung ist eindrucksvoller als andere, weil, wie Demnig sagte, man sich vor dem Opfer verbeugen muss.

Der deutsche Künstler Gunter Demnig hat nicht nur in Deutschland, sondern zum Beispiel auch in Italien – hier 2016 in Turin – seine „Stolpersteine“ verlegt. Foto: Stefano Guidi / Shutterstock.com

Für Stolpersteine spricht auch, dass sie das Stadtbild nicht so sehr stören wie größere Mahnmale oder Mahntafeln. Das ist, weil sie nur 10 x 10 x 10 cm groß sind und im Boden liegen, während eine Mahntafel relativ groß wäre und an einer Wand hängen müsste; ein Mahnmal, obwohl es schön wäre, wäre noch größer.

Dazu kommt, dass Stolpersteine relativ wenig kosten. Ein Stolperstein kostet 120 Euro. Einen Buchstaben in eine Marmortafel einzuschlagen kostet 9 Euro. In eine Marmortafel den Namen “Anne Frank” zu schreiben kostet 81 Euro, und den ganzen Stolperstein von Anne Frank einzuschlagen kostet 945 Euro. Obwohl es andere Arten der Erinnerung, wie gravierte Ziegelsteine, gibt, sehen sie nicht so schön aus wie ein Stolperstein und können nicht am Boden glänzen.

Ich finde, Stolpersteine sind schöne, persönliche Mahnmale an die Opfer der NS-Zeit. Wenn man einen sieht, lernt man eine einzigartige Geschichte über eine Person, die ein Opfer der NS-Zeit wurde. Vielleicht sehen Sie einen das nächste Mal, wenn Sie in Europa sind.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s