Lebenshilfe statt Sterbehilfe!

Melina Mahious hat für ihren Deutschkurs das Thema Sterbehilfe recherchiert, dabei viel gelernt und ihre Meinung mehrmals geändert. Doch der Gedanke an kleine Kinder, die Mitglieder in Sterbehilfevereinen sein sollen, hat schließlich den Ausschlag gegeben. 

Text: Melina Mahious (15 Jahre)
Featurefoto: Roman Rybaleov/shutterstock.com

Sterbehilfe ist ein äußerst kontroverses und schwieriges Thema. Es gibt vier Arten von Sterbehilfe. Die erste Art ist ‚Direkte Aktive Sterbehilfe‘ und das ist, wenn Dritte, zum Beispiel Angehörige, einen Arzt bitten, einen Patienten zu töten. Das ist in einigen europäischen Ländern, zum Beispiel in Belgien und Holland, erlaubt. ‚Indirekte Aktive Sterbehilfe‘ ist, wenn der Arzt dem Patienten Palliativmedizin gibt, um seine Schmerzen zu vermindern. Diese Schmerzmittel sind allerdings so stark, dass sie dem Körper nicht guttun und die Lebensdauer verkürzen. Die dritte Art ist ‚Passive Aktive Sterbehilfe‘. Wenn das Leben eines Patienten von einer Maschine abhängig ist und in seiner Patientenverfügung steht, dass er in diesem Fall sterben möchte, werden die Maschinen abgestellt und der Patient stirbt. Die letzte der vier Arten von Sterbehilfe ist die ‚Freitodbegleitung‘. Hierbei stellt ein Arzt eine tödliche Spritze oder ein Glas mit trinkbarem Gift bereit, welches der Patient sich selber verabreicht. Bei der Freitodbegleitung werden die Sterbenden bei ihrem Suizid oft von ihrer Familie betreut und begleitet.

Patientenverfügung, Foto: Lisa S./shutterstock.com
Patientenverfügung, Foto: Lisa S./shutterstock.com

Am 6. November 2015 wurde im Bundestag über vier Gesetzesentwürfe zum Thema Sterbehilfe abgestimmt. Der erste war, dass jegliche Beihilfe verboten sein soll. Der Zweite war, dass geschäftsmäßige Beihilfe verboten sein soll. Der dritte war, dass Sterbehilfe nur Ärzte Sterbehilfe auszuüben dürfen. Und der vierte Gesetzesentwurf war, dass es für Ärzte und auch für Organisationen erlaubt sein sollte, Sterbehilfe auszuüben. Der Bundestag hat dem Gesetzentwurf zugestimmt, der besagt, dass geschäftsmäßige Beihilfe verboten sein soll. Das bedeutet, ‚Sterbehilfe-Vereine‘ sind in Deutschland nicht erlaubt.

Sterbehilfe in der Schweiz

In der Schweiz gibt es zwei Sterbehilfe-Vereine, ‚Exit‘ und ‚Dignitas‘. Der Verein ‚Exit‘ wurde im Jahr 1982 gegründet und hat ca. 92.000 Mitglieder. Die Mitgliedschaft kostet 45 Franken pro Jahr oder 900 Franken als einmaliger Beitrag und nur Schweizer Staatsbürger können diesem Verein beitreten. ‚Dignitas‘ wurde im Jahr 1998 gegründet und hat ca. 7.100 Mitglieder. Die Mitgliedschaft kostet 200 Franken Beitrittsgebühr und 80 Franken pro Jahr. ‚Dignitas‘ wird Menschen aller Nationalitäten angeboten.

„Ich will von niemandem abhängig sein“

Im März 2015 hat Melina ein Mitglied des Sterbehilfe-Vereins ‚Exit‘, ihre 75-jährige Großtante, zum Thema Sterbehilfe befragt. Hier sind Ausschnitte aus diesem Interview:

Warum willst Du Sterbehilfe machen?

Wann willst Du Sterbehilfe machen?

Was hält Deine Familie davon?

Macht Dein Mann das auch?

Findest Du, dass Sterbehilfe-Vereine in Deutschland erlaubt sein sollten?

Pro Sterbehilfe…

Das erste Argument für Sterbehilfe-Vereine ist, dass die Vereine durch Beratung Leben retten. In der Broschüre von ‚Exit‘ steht, dass sie im persönlichen Gespräch mit den Mitgliedern deren Probleme besprechen und ihr Bestes tun, um diese zu lösen und weitere Schritte zu planen. Also werden manche Menschen überzeugt, sich nicht – oder noch nicht – das Leben zu nehmen.

Ein weiteres Argument für Sterbehilfe-Vereine in Deutschland ist, dass viele Deutsche sowieso bereits in die Schweiz gehen, um Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Die meisten Leute, die bei ‚Dignitas‘ Mitglied sind, kommen aus Deutschland.

Das letzte Argument für Sterbehilfe-Vereine ist, dass es die Anzahl der gescheiterten Suizidversuche verringert. Es gibt jährlich in Deutschland bis zu 503.000 gescheiterte Suizidversuche und diese Menschen haben danach oft nachhaltige körperliche sowie geistige Schäden. Ein gescheiterter Suizidversuch bringt in den meisten Fällen emotionale und finanzielle Folgen für die Person und die Familie mit sich. Ein Mensch, der aufgrund des gescheiterten Suizidversuchs seine Arbeit verliert oder intensive medizinische Betreuung braucht, erzeugt auch finanzielle Folgen für das Gesundheitswesen und die Volkswirtschaft. Hätte er seinen Suizid in einem Verein gemacht, wäre er tatsächlich gestorben.

… und Contra Sterbehilfe

Es gibt allerdings auch gute Argumente gegen Sterbehilfe-Vereine. Erschreckenderweise wird zum Beispiel in einigen Ländern, in denen es diese Vereine gibt, jetzt diskutiert, ob es auch erlaubt sein sollte, schwerkranke Kinder als Mitglied in Sterbehilfehilfe-Vereinen aufzunehmen, um ihnen beim Suizid zu helfen. So erlaubt Belgien aktive Sterbehilfe für Kinder. Das ist unverantwortlich, weil ein Kind noch nicht reif genug ist, um über seinen Tod zu entscheiden.

Foto: frantab/shutterstock.com
Sollen Kinder auch Mitglied in Sterbehilfevereinen sein dürfen? Foto: frantab/shutterstock.com

Sterbehilfe-Vereine werden von den Religionen der Welt nicht befürwortet. Papst Franziskus sagte am 6. November 2015, dass das Leben einen natürlichen Anfang und ein natürliches Ende haben soll. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland ist auch absolut gegen Sterbehilfe. Sie sagen, egal welche Krankheit man hat, man darf keine Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Ein religiöser Mensch sieht Selbstmord jeder Art als Eingriff in die Pläne Gottes.

Ein dritter Grund gegen Sterbehilfe-Vereine ist, dass sie Mobbing auslösen können. Eine Familie, die sich um einen alten Menschen kümmert, ist mit der Pflege oft überlastet oder sie wollen das Erbe der Eltern bekommen. Sie geben dem Menschen das Gefühl, nur noch eine Last für ihr Umfeld zu sein und mobben den älteren Menschen dazu, bei einem Sterbehilfe-Verein Mitglied zu werden, um sich selber auf legale Weise das Leben zu nehmen.

Fazit: Hilfe zum Leben ist nötig

Insgesamt gibt es viele Gründe weshalb ein Mensch nicht mehr weiterleben will: Schmerzen, Einsamkeit und sogar die eigene Verwandtschaft kann einem die Lust am Leben nehmen. Allerdings liegt meiner Meinung nach die Lösung nicht darin, diesen Menschen zu helfen, ihr Leben möglichst schnell zu beenden, sondern wir als Gesellschaft müssen Wege finden, um diese Gründe zu beseitigen. Wir müssen Lebenshilfe-Vereine statt Sterbehilfe-Vereine gründen! In einem Lebenshilfe-Verein gibt es Palliativ-Medizin und Patientenverfügungen, aber kein Gift. Man kann dort wohnen oder zu Besuch kommen. Es gibt gut ausgebildete Pfleger, die sich mit Liebe um die Patienten kümmern und mehr Angebote für ältere Personen, wo sie mit gleichgesinnten Menschen zusammenkommen können, wie z.B. Malkurse, Gesprächsrunden und Ausflüge. Diese Lebenshilfe-Vereine sollen neue Lebensfreude vermitteln und damit das Leben bereichern, nicht beenden.

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