Deutschland oder USA – Wo studieren? Tipps und Erfahrungen

Wer die Wahl hat, hat die Qual, sagt man in Deutschland. Das gilt oft auch in den USA, wenn es um die Frage des richtigen Colleges geht. Austin Mucchetti (16 Jahre) fasst Pro und Contra zusammen und hat zwei Studentinnen nach ihren Erfahrungen auf einer deutschen und einer amerikanischen Uni gefragt.

Als Junior in einer amerikanischen High School geht bei mir der College-Stress bald richtig los. Auf welches College soll ich gehen? Kann ich es mir leisten? Ist mein SAT/ACT Testergebnis, beides standardisierte Tests, die für die Aufnahme in ein College wichtig sind, gut genug für das College meiner Wahl? Diese und diverse andere Fragen schwirren einem ständig im Kopf herum.

Zwischen diversen College-Besuchen und Übungstests für den wichtigen SAT/ACT Test versucht man, unter den ca. 3.000 Colleges den idealen Ort für den weiteren Bildungsweg zu finden. Kommt zusätzlich wie bei mir die Möglichkeit hinzu, in Deutschland zu studieren, muss man sich wirklich hinsetzen und die Vor- und Nachteile eines Studiums dies- oder jenseits des Atlantiks gegeneinander abwägen.

Die Kosten

Amerikanische Colleges sind teuer.

Am günstigsten sind die zweijährigen Community Colleges gefolgt von den öffentlichen Colleges im eigenen Bundesstaat, wobei auch diese nicht billig sind (University of Maryland: 25.000 US-Dollar pro Jahr). Am teuersten ist es, wenn man außerhalb seines eigenen Bundesstaates studiert, egal ob es ein öffentliches oder privates College ist. Oft handelt es sich um Studiengebühren von 50.000 bis 60.000 Dollar. (Unterkunft und Verpflegung inbegriffen.) Studenten versuchen oft, durch tolle sportliche Leistungen Stipendien zu bekommen, um den Preis zu senken.

In Deutschland dagegen gibt es seit Oktober 2014 keine Studiengebühren mehr. Ein sozialer Beitrag, der von den Studenten bezahlt wird, ermöglicht u.a. die freie Nutzung aller Verkehrsmittel in der Region. Somit ist das Studium im Vergleich zu den USA wirklich günstig.

Miete und Essen sind in Deutschland auch billiger, so dass es sich lohnt zu überlegen, ob man dort studieren möchte.

Die Voraussetzungen

In den USA braucht man für die College-Bewerbung eine gute Durchschnittsnote aller in der High School belegten Klassen (GPA) und eine möglichst hohe Punktzahl im SAT oder ACT Test. Wenn man eine finanzielle Entscheidung für mögliche Colleges getroffen hat, muss man dann sehen, welches der Colleges in der engeren Wahl einem einen Studienplatz anbietet. Je höher die Werte, desto besser die Chancen, aufgenommen zu werden.

In Deutschland gibt es zulassungsfreie und zulassungsbeschränkte Studiengänge. Mit dem bestandenem Abitur kann man sich für ein zulassungsfreies Studium eintragen. Ein bestimmter NC (Numerus Clausus) wird für zulassungsbeschränkte Studiengänge benötigt.

Die Abiturnote, die sich aus den Noten der letzten zwei Schuljahre ergibt, muss möglichst unter dem NC liegen, damit man eine Chance auf einen Studienplatz hat.

Wenn man einen ausländischen Schulabschluss hat, muss man durch einen Sprachtest (z.B. den DSD2-Test) nachweisen, dass man gut genug Deutsch sprechen und schreiben kann.

Das Studium selbst

Um das Studium besser zu verstehen, habe ich meine Schwester Anna und ihre Freundin Elena interviewt. Beide sind im ersten Semester und waren vorher an allen amerikanischen Schulen gemeinsam. Anna studiert an der Technischen Universität Braunschweig und Elena studiert an der University of Maryland.
Ich habe den beiden dieselben sechs Fragen gestellt, um einen direkten Vergleich von ihren Eindrücken und Erfahrungen zu bekommen.

Was gefällt Dir an Deiner Uni am besten?

Elena (USA): Was mir an meiner Schule am besten gefällt ist das “Honors” Programm, an dem ich teilnehme. In “Honors” Humanities, auf Deutsch Geisteswissenschaften, sind Studenten, die Studiengänge in diesem Bereich belegen und sich in dieser sehr großen Uni so besser kennenlernen. Wir sind eine sehr enge Gemeinschaft, die im selben Gebäude wohnt und Klassen zusammen besucht. Wir haben viel Spaß zusammen wie bei Filmnächten (die letzten Filme waren Bolt, Black Mirror und Taylor Swifts Netflix Konzert), „sip n’ study“ (Tee trinken und lernen) und unser eigener kleiner Buchclub!

Anna Muchetti, Foto: privat

Anna (D): Der Preis. Aber auch die gesunde Einstellung, die die Leute zur Uni haben. Ich mag, dass es nur ein Teil vom Leben ist, es ist nicht, als ob die Uni dein ganzes Leben ist. Ich mag auch die Unabhängigkeit, zu der man quasi gezwungen wird. Es gibt keine Berater, die sich um einen kümmern, es liegt an dir, alles zu organisieren. Es gibt auch kein Leben auf dem College Campus, sondern man muss lernen, selbstständig zu sein.

Was gefällt Dir am wenigsten?

Elena (USA): Die Kosten. In-State Schulgeld macht es günstiger, aber UMD kostet noch ungefähr 25.000 USD pro Jahr inklusive Unterkunft und Verpflegung.

Anna (D): Einer von meinen Lieblings-Sprüchen hier ist, dass wir an eine Technische Universität gehen, wo die Technologie gar nicht funktioniert. Es gibt ein paar Hörsäle ohne Lüftung, also wenn man hinter den ersten vier Reihen sitzt, bekommt man schnell einen Hitzschlag. Ein weiteres Problem ist, dass unsere Zeitpläne überfüllt sind; im ersten Semester hatten wir 24 Stunden Unterricht  pro Woche plus 30 Stunden Hausaufgaben.

Wie viel von Deiner Zeit verbringst Du auf dem Campus?

Elena (USA): Ich verbringe ungefähr 95% meiner Zeit auf dem Campus, weil ich dort lebe. Ich gehe ein- oder zweimal pro Woche raus, um Essen zu kaufen oder mich mit Freunden zu treffen. Ich gehe einmal pro Monat nach Washington, DC, normalerweise für Schulprojekte, aber manchmal einfach, weil es Spaß macht. Ich verbringe unter der Woche ungefähr 14 Stunden im Unterricht.

Elena Ugarte, Foto: privat

Anna (D): Ich bin im Grunde nur für meine Kurse da (obwohl das ziemlich viel Zeit ist) und esse manchmal auch Mittagessen dort. Manchmal studiere ich dort, aber normalerweise bevorzuge ich, das zu Hause zu machen.

Wir groß sind die Kurse im Durchschnitt?

Elena (USA): Es variiert, je nachdem, welche Kurse ich wähle. Ich hatte Kurse mit drei Studenten und auch Kurse mit über 300 in demselben Semester. Gerade hat mein kleinster Kurs 15 und mein größter 75 Studentinnen und Studenten.

Anna (D): Weil es das erste Semester ist, hatten alle meine Mathe-Vorlesungen 300 Leute und die Wirtschaftsvorlesungen 800 (obwohl am Ende nur noch ein Drittel davon kamen). Für Mathe gibt es auch „kleine Übungen“, da diskutiert man die Hausaufgaben mit einer Gruppe von 15-20 Leuten und kann Fragen stellen.

Wenn Du etwas ändern könntest, was wäre das?

Elena (USA) Wenn ich etwas ändern könnte, wäre es die hohe Studiengebühr.

Anna (D): Eine Sache, die ich an meiner Uni gerne ändern würde, wäre, dass die Studierenden sich mehr engagieren. Fast keiner weiß, was mit der Uni-Politik los ist, und an dem Uni-Wahltag haben nur 10% der Studierenden teilgenommen. In Amerika sind alle für ihre Uni super begeistert, aber in Deutschland gibt es überhaupt keinen „school spirit“.

Wie engagiert ihr euch außerhalb des Unterrichts auf dem Campus?

Elena (USA): Ich bin in einer Menge außerschulischer Aktivitäten aktiv! Ich habe einen Nebenjob an der Uni im Büro meines „Honors“ Colleges. Ich bin an unserer Uni auch an der Kunstzeitschrift „The Writer’s Bloc“ als angestellte Autorin tätig. Ich bin ebenfalls Mitglied bei CHAARG, einem Sportclub an meiner Uni, der landesweit zehn verschiedene Clubs hat.

Wir haben gemeinsame Abende, Lerngruppen und organisieren Veranstaltungen wie den TerpThon, einen Tanz Marathon, den wir freiwillig gestalten und der Geld für ein Kinderkrankenhaus einbringt. Ich nehme auch an vielen Veranstaltungen meiner „Honors“ Gruppe teil.

Anna (D): Außerschulische Aktivitäten haben keinen hohen Stellenwert an meiner Uni. Ich habe fast noch nichts über irgendwelche Clubs oder Vereine gehört, denen man sich anschließen kann – außer Sportclubs. Zumindest sind die Sportangebote mit einer Gebühr von ca. 15 Euro sehr günstig. Dieses Semester habe ich noch keinen Sport belegt, weil ich mich erst an die vielen Hausaufgaben gewöhnen musste, aber nächstes Semester plane ich, an zwei Tanzkursen teilzunehmen.

Das Fazit

Persönlich finde ich diese Perspektiven sehr aufschlussreich, da man aus erster Hand die Realität erfährt. Beide, Elena und Anna, sind glücklich mit ihrer Wahl.

Insbesondere scheint der Preis für beide sehr wichtig zu sein. Für Elena ist die Studiengebühr eine Belastung und Anna kritisiert die zum Teil schlechten Bedingungen, die es in den Klassenräumen gibt.

Bei der endgültigen Entscheidung für eine deutsche oder amerikanische Uni spielt natürlich die persönliche Situation eine große Rolle, wie z.B. die finanziellen Mittel oder die eigenen Sprachkenntnisse. Aber ich denke, man kann, egal welche Seite man wählt, mit seiner Studienwahl glücklich werden.

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